Die Stadt aus Glas

In einer Stadt aus Glas, in der nichts verborgen bleiben kann, entdeckt ein Fremder, dass völlige Sichtbarkeit nicht dasselbe ist wie wahre Nähe. Dies ist eine Reise durch Nebel, Stille und zerbrochene Herzen – eine Geschichte über Verletzlichkeit, Mut und das Licht, das erst dann entsteht, wenn wir den Mut finden, unsere Risse zu zeigen.

Zwischen Licht und Spiegeln

Die Ankunft im Nebel

Der Nebel lag schwer über der Stadt, als der Reisende eintrat. Er war nicht der milchige, sanfte Nebel, den man aus Tälern kennt, sondern ein dichter, fast greifbarer Schleier, der das Licht verschluckte und die Geräusche dämpfte. Häuser aus Glas ragten in den Himmel, ihre Konturen verschwammen im Dunst, als wären sie nur Spiegelungen einer anderen Welt.
Die Straßen waren gepflastert mit glatten, durchscheinenden Platten, die das fahle Morgenlicht auffingen und in blassen Schimmern zurückwarfen. Menschen gingen lautlos vorbei, ihre Körper durchsichtig wie Wasser, und doch trugen sie die Schwere von Geschichten, die man nicht hören konnte.
Er blieb stehen und sah ihnen nach. In ihren Gesichtern lag keine Überraschung, nur ein leises Wissen, als hätten sie ihn erwartet. Manche warfen ihm flüchtige Blicke zu, andere glitten an ihm vorbei, als sei er nur ein Schatten im Nebel.

„Willkommen in der Stadt der Offenheit“, sagte eine Stimme neben ihm. Eine Frau, ebenfalls durchsichtig, lächelte. Ihre Augen waren klar wie Bergquellen, doch in ihrer Tiefe lag etwas, das er nicht deuten konnte. „Hier kann niemand etwas verbergen.“
Der Reisende nickte, doch in seiner Brust regte sich Unruhe. Er fragte sich, was es bedeutete, wenn alles sichtbar war – und ob es in einer solchen Stadt überhaupt noch Geheimnisse gab. Während er weiterging, hörte er das leise Knirschen seiner Schritte auf dem Glasboden, ein Geräusch, das wie ein fernes Echo in den Nebel zurückfiel.

Das Kind mit dem zerbrochenen Herz

Die Tage vergingen, und der Reisende wanderte durch die Straßen. Alles war lautloser als in anderen Städten. Schritte klangen wie Glas, Stimmen hallten wie fernes Klingen, als würden sie von unsichtbaren Wänden zurückgeworfen.
Es gab keine Lügen, keine Masken – doch dafür eine ständige Nacktheit, die ihn beklemmte. Er spürte, wie die Blicke der Menschen durch ihn hindurchgingen, als wollten sie Schichten abtragen, bis nichts mehr übrigblieb.
Eines Abends, als der Nebel dichter war als sonst und die Straßenlaternen nur matte Kreise ins Grau warfen, entdeckte er in einer Seitengasse ein Kind. Es saß auf dem Boden, die Arme um die Knie geschlungen. In seiner Brust war ein Glasherz zu sehen – doch es war zerbrochen. Splitter steckten noch immer darin, und bei jedem Atemzug schnitten sie tiefer.

„Warum weinst du?“, fragte der Reisende vorsichtig. Das Kind blickte auf. Seine Augen waren groß und klar, doch darin lag ein Schmerz,
der älter wirkte als es selbst. „Weil alle mein Herz sehen. Sie wissen, dass es kaputt ist. Manche schauen weg, andere lachen. Niemand will mich berühren, aus Angst, sie könnten sich schneiden.“
Der Reisende setzte sich neben es. „Manchmal versteckt man sein Herz, damit es niemand sieht. Aber hier ist das nicht möglich.“
„Genau“ schluchzte das Kind. „Und wenn man so durchsichtig ist wie wir, gibt es keinen Trost. Alles ist sichtbar – aber niemand ist wirklich bei mir.“ Der Reisende schwieg. Er wollte das Kind trösten, doch er spürte die Wahrheit in
seinen Worten. Sichtbarkeit bedeutete nicht Nähe.
Als er ging, sah er noch einmal zurück. Das Kind hatte die Hände um die Brust gelegt, als wollte es die Splitter zusammenhalten. In diesem Bild lag ein Schmerz, den der Reisende nie vergaß.

Die Archivarin der Schatten

Auf seiner Suche nach Antworten gelangte der Reisende eines Morgens zu einem hohen Turm aus grünlich schimmerndem Glas. Er ragte wie ein einsamer Wächter aus dem Nebel, und seine Wände spiegelten das fahle Licht in tausend gebrochenen Strahlen. Darin befand sich das Archiv der Stadt. Dort begegnete er einer alten Frau. Ihr Körper war ebenso durchsichtig wie der der anderen, doch in ihrem Inneren glühten dunkle Flammen, als trüge sie Erinnerungen, die brannten. Sie war die Archivarin.

„Was sammelst du hier?“, fragte er.
„Die Dinge, die die Stadt nicht sehen will“, antwortete sie mit brüchiger Stimme.
„Jedes Glas hat Schatten. Auch Transparenz blendet. Ich bewahre die Geschichten,
die die Menschen nicht zeigen können – obwohl sie sichtbar sind.“

Sie führte ihn zu Regalen voller dünner, schimmernder Tafeln. Auf jeder lag eine Spur von Schmerz: Verluste, die niemand ansprach, Sehnsüchte, die niemand hören wollte. Manche Tafeln flimmerten schwach, als würden sie atmen.
„Aber ihr könnt doch alles sehen“, sagte der Reisende.
Die Archivarin lächelte traurig. „Sehen heißt nicht verstehen. Manchmal sind die Menschen gerade dort blind, wo sie am meisten hinschauen.“
Dann beugte sie sich zu ihm. „Und du, Fremder? Was würdest du hier niederlegen?“ Der Reisende spürte, wie sein Herz stockte. Bilder stiegen in ihm auf: Fehler, die er versteckt hatte, Worte, die er nie sagte, Tränen, die er nie zeigte. Doch er schwieg.
Seine Brust fühlte sich plötzlich schwer an, als läge darin ein unsichtbarer Stein.
Die Archivarin sah ihn lange an. „Vielleicht bist du deshalb hier.“

 

🎬 Die Stadt aus Glas flimmert – nicht auf der Leinwand, sondern in dir. Ein Bild, das nicht zeigt, sondern fragt.

 
die stadt aus glas (1546 x 423 px)

Der Riss im eigenen Spiegel

Die Zeit verging, und der Reisende bemerkte etwas Seltsames. Während die Bewohner der Stadt durchsichtig waren, blieb er selbst undurchsichtig. Sein Körper spiegelte nur Licht, doch niemand konnte in ihn hineinsehen.
Manche Menschen begannen, Abstand zu halten. „Was versteckt er?“, flüsterten sie. „Warum bleibt er dunkel, während wir alle offen sind?“
Der Reisende fühlte Scham. Er stand vor den gläsernen Häusern und sah sein Spiegelbild in den Wänden – ein Schatten unter den Leuchtenden. Er ging zurück zu dem Kind. „Wie erträgst du es, so sichtbar zu sein?“
Das Kind sah ihn ernst an. „Ich habe keine Wahl. Aber du hast eine. Du könntest dich öffnen – doch du willst nicht. Das macht dich einsamer als mich.“
Die Worte trafen ihn tief. Er dachte an die Archivarin, an ihre Sammlung der Schatten, und an das Herz des Kindes. Vielleicht bedeutete Ehrlichkeit nicht, alles sichtbar zu machen wie Glas. Vielleicht hieß es, die eigenen Risse zu zeigen – auch wenn sie wehtaten.

Noch in derselben Nacht ging er zum Marktplatz, wo ein Brunnen stand. Die Menschen hatten sich versammelt. Er trat in ihre Mitte, legte die Hand auf seine Brust – und sprach.
Er erzählte von seiner Angst, von den Dingen, die er verbergen wollte. Er erzählte, wie schwer es war, schwach zu sein. Und während er sprach, geschah etwas: Ein feiner Riss zog sich durch seine Brust, und dahinter schimmerte Licht. Kein klares, makelloses Glas – sondern ein warmes, verletzliches Leuchten.
Die Menschen schwiegen. Manche wandten sich ab, andere weinten. Doch das Kind mit dem zerbrochenen Herz trat vor und berührte seine Hand. Zum ersten Mal schnitt es nicht.

Die Erkenntnis im Licht

Am Morgen war die Stadt im Nebel fast unsichtbar. Türme lösten sich auf, Straßen verschwammen. Der Reisende stand am Tor, bereit weiterzugehen.
Die Archivarin kam noch einmal zu ihm. Ihre Augen waren milde. „Du hast verstanden, Fremder. Glas zeigt alles, aber es fühlt nichts. Verletzlichkeit jedoch ist mehr als Transparenz. Sie macht uns menschlich.“
Er nickte. „Ich habe gelernt: Ehrlich sein heißt nicht, alles offenzulegen. Es heißt, den Mut zu haben, sich mit seinen Brüchen zu zeigen.“
Sie lächelte. „Dann kannst du gehen. Die Stadt bleibt, wie sie ist. Aber in dir trägt sie nun ein anderes Licht.“
Der Reisende wandte sich um. Hinter ihm lag die Stadt aus Glas, funkelnd, fragil – wie ein Traum im Nebel. Vor ihm lag der Weg.
Er ging – mit leisen Schritten, doch mit einem Herz, das heller schlug als je zuvor. Und während der Nebel ihn umhüllte, wusste er: Die wahre Klarheit lag nicht im Sichtbaren, sondern im Mut, sich berühren zu lassen..

🪶 Federfunkelnfee

🩵 Edina Hrncic 

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