Die Buchhaltung des Vergessens
Die Stadt ohne Zeiger
In einer Stadt, in der die Wolken wie unbezahlte Rechnungen hingen und die Parks sich nicht in Blüten, sondern in Mahnungen badeten, hatte die Zeit keine Zeiger. Die Menschen gingen langsam, als wäre jeder Schritt eine Verpflichtung. Es gab keine Autos, denn niemand hatte ein Ziel. Es gab keinen Notdienst, denn niemand war wichtig genug, um gerettet zu werden.
Die einzige Institution mit Mobilitätsprivileg war das Inkasso – ein Fahrzeug ohne Herz, aber mit perfektem Gedächtnis. Es bewegte sich lautlos, als wolle es keine Hoffnung wecken. In seinem Kofferraum lagen keine Tragen, sondern Akten. Jede Akte trug einen Namen, eine Schuld und das Datum, an dem jemand aufgehört hatte zu träumen.
Das Märchen in Schublade 47
An der Ecke der Straßen Vergessen und Schweigen stand ein Gebäude mit verblasstem Schild: Bibliothek der Buchhaltung.
Dort arbeiteten einst Menschen, nun waren sie nur noch Zahlen. Ihre Aufgabe war nicht das Lesen, sondern das Löschen. Jedes Märchen, das wirtschaftlich nicht gerechtfertigt war, endete im Archiv des Schweigens.
Doch eines Tages tauchte in Schublade 47 ein Märchen ohne Autor auf. Es hatte keine Schuld. Nur einen einzigen Satz:
„Wenn man uns nicht erinnert, werden Märchen uns retten.“
„Skandal! Skandal!“ rief eine Mitarbeiterin, ungläubig, dass sie sprechen konnte. So viele Jahrhunderte hatte sie in atemloser Stille gearbeitet, an Tagen ohne Sonne und Nächten ohne Mond, dass sie vergessen hatte, dass sie ein Mensch war, der sprechen konnte.
Die anderen Mitarbeiter begannen sich umzusehen, als würden sie sich ihres Daseins bewusst. Die Frau, deren Name längst aus den Akten gelöscht war, stand aufrecht, als hätte sich ihre Wirbelsäule zum ersten Mal an die Schwerkraft erinnert.
Ihre Augen, gewohnt nur Zahlen zu sehen, blickten nun in Gesichter — blass, verwirrt, aber menschlich.
🕰️ Die Rückkehr der Erinnerung
Einer flüsterte seinen Namen, der klang wie ein vergessenes Lied. Ein anderer begann zu weinen, und seine Tränen liefen über die Wangen, als hätten sie zum ersten Mal den Weg gelernt.
In der Ecke des Raumes begann der Drucker, der jahrelang nur Mahnungen ausspuckte, leere Blätter zu drucken. Auf jedem stand nur ein Wort: „Erinnerung.“ Die Türen der Bibliothek bebten. Nicht vom Wind — denn den gab es nicht mehr. Sondern von etwas Tieferem: der Rückkehr des Bewusstseins.
Das Märchen ohne Autor, das aus Schublade 47, begann sich selbst zu schreiben. Jeder Satz, den es schrieb, gab jenen den Atem zurück, die ihn längst verloren hatten.
Einer schrieb über eine Prinzessin, die ein königliches Stipendium ablehnte, um eine Bäckerei zu eröffnen. Ein anderer erfand Geschichten über einen Elf, der ein Excel-Experte war, aber in einem Wald ohne WLAN lebte.
Eine Dritte schrieb über einen Drachen mit einem Soziologie-Diplom, der als Lieferant arbeitete, weil ihm niemand zutraute, denken zu können.
Ihre Märchen waren seltsam, traurig, komisch — aber sie gaben ihnen Kraft.
📜📜📜🖋️
Die Fenster der Erinnerung
Eines Tages landete ein Märchen zufällig in den Händen eines Redakteurs der Lokalzeitung. Und so begann die Revolution: Die Menschen begannen zu lesen, sich wiederzuerkennen, zu lachen und zu weinen.
Die Unsichtbaren wurden sichtbar. Die Arbeitslosen wurden Märchenschreiber. Auf dem Papier erschien wie von unsichtbarer Hand die Jahreszahl: 1230.
Die Mitarbeiter der Buchhaltung begannen sich zu erinnern: an den Duft des Morgens, den Geschmack des Taues bei Sonnenaufgang, den Herzschlag und den Atem der Liebe, an die alte Mutter, die ihnen mit Liebe das Essen zubereitete.
Nach so vielen Jahrhunderten fühlte der Mensch den Wunsch, einfach Mensch zu sein. Jeden Moment mit allen Sinnen zu erleben.
In der Stille, die einst Gesetz war, hörte man nun ein Flüstern. Nicht aus Angst, sondern aus Erinnerung.
Die Papiere flatterten durch den Raum, als trüge sie der Wind der Erinnerung. Auf jedem erschien ein neuer Satz, geschrieben von einer Hand, die niemandem gehörte, aber allen vertraut war:
„Es gibt kein Vergessen, das nicht geweckt werden kann.“
In diesem Moment begannen die Wände der Bibliothek zu verblassen. Nicht um zu zerfallen, sondern um sich in Fenster zu verwandeln.
Und durch diese Fenster sahen die Mitarbeiter eine Welt, von der sie nicht wussten, dass sie noch existierte — eine Welt, in der der Morgen duftet, in der Liebe nicht berechnet, sondern gefühlt wird.
Epilog
Manchmal genügt ein einziger Satz, um eine Welt zu retten, die vergessen wurde. Die Buchhaltung verstummte, doch die Märchen begannen zu sprechen. Und wer einmal erinnert wurde, vergisst nie wieder ganz.
🪶 Federfunkelnfee
✨ Edina Hrncic
