Der Drache vom Pöstlingberg
Wo der Drache den Berg bewacht – Eine märchenhafte Reise
Es war einmal ein Hügel, der über Linz wachte wie ein alter König. Wer auf die Donau hinabblickte, konnte sein grünes Haupt sehen, das sich im Wind bewegte.
Oben rauschten die Bäume, Kapellen läuteten ihre Glocken, und Kinder lachten in der Grottenbahn, wo Zwerge in glitzernden Stollen standen.
Doch tief unter all dem lebte ein Wesen, das kaum jemand kannte: der Drache vom Pöstlingberg.
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Er war kein Drache aus Feuer, sondern aus Erinnerung. Seine Schuppen bestanden nicht aus Metall, sondern aus Schichten von Geschichten, die sich wie Adern durch das Gestein zogen. Wer ihm begegnete, hörte keine Brüller, sondern die Stille – eine Stille, die lauter sprach als jedes Wort. Und wer ihm zuhörte, fand nicht Gold, sondern sich selbst.
Die Frau, die den Berg hinaufstieg
Es war eine Frau, die in einer herbstlichen Dämmerung den Weg hinaufstieg. Ihr Name war Helena. Mitte vierzig. Ihr Leben fühlte sich an wie ein Buch, dessen Seiten der Wind verweht hatte. Sie hatte Arbeit, eine Wohnung, Bekannte – doch alles erschien ihr zerbrechlich, als fehlte der Faden, der die Dinge zusammenhält. Seit ihrer Kindheit hatte sie Geschichten vom Pöstlingberg gehört: von Zwergen und Drachen, von alten Kapellen und geheimen Gängen. Und an diesem Abend, als die Stadtlichter wie kleine Funken unter ihr glommen, fühlte sie sich gerufen.
Helena wusste nicht, was sie suchte. Vielleicht eine Erinnerung, die ihr entfallen war. Vielleicht eine Antwort auf eine Frage, die sie nie laut ausgesprochen hatte. Vielleicht nur Stille.
Der Weg zog sich, und die Luft wurde kühler. Sie erreichte die Grottenbahn, deren Tore bereits geschlossen waren.
Doch neben den bunten Mauern entdeckte sie eine unscheinbare Tür, halb von Efeu überwachsen.
Sie drückte dagegen – und sie gab nach.
Das Tor zur Stille
Die Tür führte in einen schmalen Gang. Kühle Luft strömte ihr entgegen, roch nach Stein und feuchter Erde. Kein Schild, kein Licht – nur eine schwache Glut, die den Weg zu markieren schien. Helena ging tiefer. Ihre Schritte hallten, und mit jedem Echo schien die Gegenwart weiter zurückzubleiben. Bald hörte sie nur noch das Pochen ihres Herzens. Dann verstummte selbst das.
Vor ihr öffnete sich eine weite Höhle. Sie war nicht dunkel, sondern von einem sanften Schimmer erfüllt – als würden die Wände selbst atmen.
Und dort, zusammengerollt auf einem Bett aus Erinnerungen, lag er: der Drache vom Pöstlingberg.
Seine Augen waren geschlossen, doch Helena wusste, dass er sie spürte.
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Der Drache aus Erinnerung
Der Drache öffnete langsam die Augen. Kein Feuer entwich ihnen, sondern ein tiefes Leuchten – wie Mondlicht, das durch Wasser fällt.
Seine Stimme war keine Stimme. Sie bestand aus Stille, die sich in Helenas Herz legte und Worte formte, ohne dass Lippen sich bewegten.
„Du bist gekommen.“
Helena wollte antworten, doch ihre Kehle war trocken.
„Ich bin der Drache“, sprach die Stille.„ Nicht aus Zorn, sondern aus Erinnerung. Wer zu mir kommt, sucht nicht Abenteuer, sondern sich selbst. Weißt du, warum du hier bist?“
„Nein“, flüsterte Helena.
„Dann wirst du es erfahren. Ich bin nicht Wächter von Schätzen, sondern von dem, was du vergessen hast. Wer mich sieht, muss sich erinnern.“
Sein Atem war kein Feuer, sondern ein warmer Hauch, der Bilder in die Luft malte..
Gesichter im Gestein
Die Wände der Höhle begannen zu flimmern. Gesichter tauchten auf wie Reliefs im Stein – mal deutlich, mal verschwommen.
Helena erkannte ihr eigenes Kindergesicht, lachend, die Haare zerzaust vom Sommerwind.
Sie sah ihre Großmutter, die ihr Märchen erzählte, während draußen der Regen gegen die Fenster schlug.
Sie sah ihren ersten Hund, der einst treu an ihrer Seite gelaufen war. Doch dann kamen Gesichter, die sie vergessen wollte: Ein Freund, den sie in jungen Jahren verraten hatte. Eine Schwester, mit der sie zerstritten war. Ein Lehrer, dessen Worte sie geprägt hatten wie Narben.
Helena wollte die Augen schließen. Doch der Drache sprach: „Stille ist kein Fluchtort. Stille ist der Spiegel. Schaue hin.“
Und so sah sie hin – und fühlte, wie die Gesichter nicht nur Schmerz, sondern auch Liebe bargen.
Der Spiegel der Identität
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Vor ihr erhob sich ein Spiegel aus schwarzem Stein, glatt wie Wasser. Darin erschien nicht ihr jetziges Gesicht, sondern sie selbst in allen Versionen, die sie je gewesen war: Kind, Jugendliche, junge Frau, Suchende.
„Wer bist du?“, fragte die Stille.
Helena schluckte. „Ich … weiß es nicht mehr.“
„Dann frage nicht nur nach deinem Namen, sondern nach deiner Tiefe. Identität ist kein starres Bild. Sie ist ein Strom, der alles trägt: Freude und Schmerz, Schuld und Sehnsucht.“
Im Spiegel sah Helena, wie die vielen Versionen ihrer selbst sich nicht widersprachen, sondern ineinanderflossen wie Bäche in einen Fluss.
„Du bist nicht verloren“, sprach der Drache. „Du bist viele – und alle bist du.“
Die Stille als Antwort
Helena setzte sich auf den Boden der Höhle. Sie spürte die Kühle des Steins, hörte ihr eigenes Atmen.
Der Drache schloss wieder die Augen – und alles wurde still. Zuerst wollte sie reden, Fragen stellen, doch dann begriff sie: Hier war keine
Antwort aus Worten nötig. Die Stille dehnte sich.
Sie erinnerte an den Moment kurz vor dem Einschlafen, wenn die Gedanken verstummen.
Sie erinnerte an die Pause nach einem Musikstück, wenn der letzte Ton noch im Raum hängt.
Sie erinnerte an das Schweigen nach einem Streit, das schwer ist – aber voller Möglichkeit.
Und in dieser Stille spürte Helena, dass sie lebte. Ohne Rollen. Ohne Masken. Einfach nur war.
Rückkehr ins Licht
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Als sie die Augen öffnete, war die Höhle leer. Der Drache war verschwunden, doch die Wärme blieb.
Helena trat zurück durch den Gang, vorbei an der Glut, die nun heller leuchtete.
Als sie die Tür öffnete, empfing sie das Licht des frühen Morgens. Die Stadt lag still unter ihr, und der Pöstlingberg rauschte leise im Wind.
Sie war dieselbe – und doch nicht mehr. Etwas in ihr hatte sich geordnet. Nicht laut, nicht sichtbar, aber echt.
Und während sie den Hügel hinabstieg, flüsterte etwas in ihr: „Du bist nicht allein.“
🪶 Federfunkelnfee
💜 Edina Hrncic
